Lore Weber erzählt von der Geschichte

Umzug vor dreißig Jahren von Kornwestheim nach Wulfshagenerhütten
1973 Gründungsjahr der Basisgemeinde

Die Frage nach Frieden und Gerechtigkeit für alle Menschen und die ganze Schöpfung hatte die kleine ökumenische Gruppe des Anfangs in der Johannesgemeinde in Kornwestheim bei Stuttgart mit Pfarrer Gerhard Weber zusammengeführt.

Wir suchten zunächst nach Lösungen für Symptome von Ungerechtigkeit in Staat, Gesellschaft und Welt, wie sie zum Beispiel in der atomaren Bedrohung, in der Armut der Länder der Dritten Welt und in der wachsenden Arbeitslosigkeit in unserer Stadt sichtbar waren. Teils christlich, teils nicht, teils politisch, teils sozial engagiert waren wir getrieben von der Frage nach Alternativen zur Schaffung eines besseren Lebens für alle Menschen.

Wir suchten unsere soziale Verantwortung wahrzunehmen und engagierten uns, zum Teil in der Kommunalpolitik unserer Stadt, zum Teil im kirchlichen Leben der Johannesgemeinde.
In dieser Zeit entdeckten wir unsere Vision von einer neuen Sozialordnung bereits verwirklicht in den urchristlichen Gemeinden, wie uns die biblischen Texte bezeugen: „Sie hatten alles gemeinsam und keiner musste Mangel leiden…“ und Friede war die Frucht ihres gerechten Zusammenlebens.

Diese neue, uralte Lebenskultur des Friedens wollten wir von nun an ausprobieren. Wir wollten mit unserem eigenen Leben feststellen, ob ein Leben in der Art der ersten Christen unter den Bedingungen der heutigen Welt möglich sei. Ermutigt wurden wir durch gelebte Beilspiele, wie Taizé, die Integrierte Gemeinde München, die Basisgemeinden Lateinamerikas und die Bruderhöfe. Wir fanden zu der Überzeugung, dass das Evangelium auch heute jene Kraft und Dynamik in sich hat, die der Welt aus ihren zunehmenden Sackgassen heraushelfen kann.
Wir begannen zu begreifen, dass für uns das Engagement für den Frieden Umkehr bedeutet: Wir wollten heraustreten aus der Kultur des Einzelnen und Einsamen in eine neue Friedenskultur verbindlicher Gemeinschaft, in der Einer mit seinem ganzen Leben für den Anderen einsteht. Eine Umkehr aus einer Kultur der Sicherheit und des Mammons und des Einzelnen in eine neue Lebenskultur des Friedens… zu einem Leben des Miteinanderteilens in verbindlicher Gemeinschaft, wie in der urchristlichen Gemeinde.

Wir entschieden uns, uns mit unserem ganzen Leben und Vermögen der Schaffung von Lebensgrundlagen zu widmen, die die Einladung Jesu möglich macht: „Kommt zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, denn ich will euch erquicken.“— Es ging uns dabei immer um den Gegenwartsbezug der biblischen Aussagen.

Wir begannen in der Folge 1975 in Wohngemeinschaften zu leben und alles miteinander zu teilen: Zeit, Kraft, Geld. Die Menschen, die zu uns kamen, waren oft auch solche, die durch die Maschen des gesellschaftlichen Netzes gefallen und auf Lebenshilfe angewiesen waren. Allen sollte das „Herzlich willkommen“ Jesu in seinen Seligpreisungen gelten. Die Bergpredigt wurde uns zum Leitfaden für diese neue Gesellschaftsordnung, zu der wir uns hinführen lassen wollten.

Wenig später versuchten wir auch den Lebensbereich Arbeit in unser Gemeinschaftsleben zu integrieren, indem wir ein kleines Gebrauchtmöbellager, sowie eine Nähstube betrieben und mit Umbau und Renovierung unserer Gemeinschaftshäuser anfingen. Doch eine wirkliche Gemeinschaft derer, die Arbeit suchten mit den Berufstätigen in unserer Gemeinschaft, war damit noch nicht gegeben.

So wurde uns schließlich 1982 deutlich—nach einem Prozess von nahezu zehn Jahren—dass jetzt ein neuer Schritt anstand: Es sollte ein Ort gefunden werden, wo wir alle gemeinsam wohnen, leben und arbeiten konnten. Alle, die diese neue Verbindlichkeit an einem neuen Ort leben wollten, kündigten nacheinander ihre Arbeitsstellen.
Der neue Lebenszusammenhang, den es nun zu gestalten galt, sollte unserem Grundauftrag dienen: eine gemeinsame Arbeit aufzubauen und alle Menschen, die mit uns das Leben teilen wollten, herzlich willkommen zu heißen.

Die Jesaja-Vorstellung von „einem neuen Himmel und einer neuen Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt“ als Vision unseres Anfangs weist uns bis heute Richtung und Ziel unseres gemeinsamen Weges, unserer Arbeit, unserer Feste, unserer Hoffnungen.

Im November 1982 waren Gerhard Weber, Siegfried und Renate Ellwanger zu einem Besuch nach USA geflogen, zum Woodcrest Bruderhof, NY. Sie wollten dort u.a. die Möglichkeit prüfen, ob der bereits entschiedene Aufbruch der Basisgemeinde zu den Bruderhöfen führe.

Erst nach ihrer Rückkehr wurde uns gemeinsam klar, dass der Weg für uns vor Ort weitergehe. Unter den circa 25 Haus-Angeboten, die wir im Laufe des zurückliegenden Halbjahres schon geprüft und zum Teil auch besichtigt hatten, fiel die Wahl schließlich auf Wulfshagenerhütten. Es wurde eine Delegation von den Mitgliedern zur Ansicht des Gutes geschickt, das aus drei Wohnhäusern, einem Gutshaus und einer Scheune besteht. Sie sollten die Eignung des Ortes für unser Leben und Arbeiten in Gemeinschaft prüfen. Nach ihrer Rückkehr haben wir im Vertrauen auf ihre Einschätzung die Entscheidung einmütig gefunden: Das ist der Ort, wo Gott uns hinführen will. Der Erwerb des 2,5 ha großen Anwesens Wulfshagenerhütten bei Kiel wurde demnach beschlossen.

Nun hatten wir nur noch 6 Wochen Zeit für die Umzugsvorbereitungen. Unsere Berufe und Wohnungen hatten wir zwar bereits schon ein halbes Jahr zuvor für Januar 1983 gekündigt und bekannt gegeben, jedoch ohne zu wissen, wann und wo wir den neuen Ort finden würden.

Aus zwei Gemeinschaftshaushalten (Haus Friedrichstraße und Haus Weimarstraße) musste für den großen Umzug drastisch aussortiert werden: Geschirr, Möbel, Spielzeug, auch die Hasenställe samt den Hasen der Kinder wurden weggeschenkt, die Hauskatze auf einen Bauernhof gebracht… kurzum, alles, was uns für den Umzug zu viel schien, kam in den Müll oder auf die Straße „zum Mitnehmen“. Zuletzt war ein zwölf Meter langer Container, der uns vors Haus gestellt wurde, mit unseren Habseligkeiten gefüllt. Am 6. Januar 1983 wurde der aufs Gutsgelände Wulfshagenerhütten zum Ausladen gebracht. Mit 17 Erwachsenen und 8 Kindern bezogen wir dann das neue Anwesen.

In den Häusern des damaligen Kinderheims wohnten zu der Zeit nur noch einige Erzieher und zwei Jugendgruppen des Heims, das die Kieler Stadtmission schon länger weitgehend aufgelöst hatte. So waren die Räumlichkeiten, die wir zum Einzug vorfanden, leer, kalt, unwirtlich. Draußen herrschte eisiges Januar-Winter-Wetter mit typischen Ostseestürmen. Und die neue Heimat wirkte auf uns „Südländer“ wie fremdes Ausland!

Von Lore Weber

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