Verfolgt! Christen im Nahen Osten zwischen Kreuz und Hoffnung

Ein Abend mit Wolfgang Boguslawski, opendoors
Am 12.12.2014 in der Dunckerstraße 14, Berlin.

-von Clemens Weber / Basisgemeinde Prenzlauer Berg-

„Wir sind ein Leib mit der weltweiten Gemeinde“ sagt der Pastor einer Gemeinde in Syrien. Was sich so allgemein und richtig anhört, ist für ihn und seine Gemeinde im Kriegsgebiet eine existenzielle Aussage. Das Wissen um den weltweiten Leib der Kirche ist ihm eine Stärkung. Dass andere für ihn und seine bedrohte Gemeinde beten, gibt ihm Mut. Dass Glaubensgeschwister seiner Gemeinde auch durch Geld- oder Sachspenden helfen, um die größte Not zu lindern, unterstützt diese Gemeinde in ihrem Auftrag, mit und für die Menschen in ihrem Land zu bleiben. Und genau das ist das Anliegen von opendoors, einem überkonfessionellen internationalen Hilfswerk: Brücken bauen und so die Gemeinden und Einzelne Christen vor Ort zu stärken. Aber nicht alle bleiben im Land. Viele Christen sind geflohen, vor allem in den Libanon.

Christsein war noch nie so gefährlich wie heute, so scheint es. Nie zuvor sind so viele Christen diskriminiert, bedroht und verfolgt worden. Bis zu 100 Millionen Menschen sind betroffen und die Tendenz ist steigend. Christen verschiedener Konfessionen sind zwar nicht die einzige Religionsgruppe, die wegen ihres Glaubens benachteiligt wird; weltweit leiden sie aber am meisten unter religiöser Diskriminierung oder Verfolgung.

Papst Franziskus über Christenverfolgung:

»Es ist nicht erforderlich, in die Katakomben oder ins Kolosseum zu gehen, um die Märtyrer zu finden: die Märtyrer leben jetzt, in zahlreichen Ländern. Die Christen werden ihres Glaubens wegen verfolgt. In einigen Ländern ist es ihnen untersagt, ein Kreuz zu tragen: sie werden bestraft, wenn sie es doch tun. Heute, im 21. Jahrhundert, ist unsere Kirche eine Kirche der Märtyrer.«

In rund 50 Staaten werden Menschen in ihrer Religionsausübung behindert und in etlichen davon kommt es zu schweren Verletzungen der Religionsfreiheit. Betroffen sind Länder wie Nordkorea, Saudi- Arabien, Irak, Iran, Pakistan, Eritrea, Sudan, Nigeria, Ägypten, Indien, Laos, Vietnam, China, Türkei... und nicht zuletzt Syrien, das auf dem Weltverfolgungsindex, den opendoors jährlich aktualisiert, mittlerweile Platz 3 belegt hinter Nord-Korea und Somalia.

Herr Boguslawski von opendoors berichtet uns an diesem Abend auch von seinen persönlichen Eindrücken und Begegnungen vor Ort, in Flüchtlingslagern im Libanon. Es sind Menschen, die alles zurücklassen mussten und vor dem Nichts stehen.

Besonders berührt, was die Betroffenen selbst sagen: „Die ISIS kennzeichnete unsere Häuser mit einem ن (Nun). Es ist das arabischen Zeichen für N, was Nazarener bedeuten soll. Als Christen hatten wir die Wahl, entweder eine hohe Steuer zu bezahlen, oder zu konvertieren, oder zu fliehen.“ Der Pastor einer chaldäische Gemeinde, der in den Libanon geflohen ist, sagt: „Wir haben alles verloren, um alles zu gewinnen. Wir haben alles verloren. Wir haben unseren Glauben gewonnen.“ Er drückt aus, was auch Herr Boguslawski berichtet: die Hoffnung und der Glaube der betroffenen Christen in dieser Situation ist unfassbar. „Alles gut, alles gut“ sagt eine Ordensschwester in einem Flüchtlingslager. „Jetzt tritt ein, wofür wir gebetet haben. Die Menschen wenden sich wieder der Kirche zu.“ Der Gottesdienst ist voll. Nicht nur Christen kommen. Auch viele Muslime fragen nach dem Gott, „der Gebete erhört.“

Dass Christen heute um ihres Bekenntnisses willen verfolgt werden, ist eine Realität, die uns nahe kommt: an diesem Abend, in Berichten von opendoors, aber auch in den Menschen, die hier in Deutschland, in unserer Nachbarschaft vielleicht, Zuflucht suchen. „Wir sind ein Leib“ gewinnt Gestalt. Wir fühlen, dass wir Teil dieses weltweiten Leibes Christi sind. Wir sind verbunden mit den Geschwistern in Syrien, im Irak, in Nord-Korea und überall dort, wo sie Zeugnis geben von dem Gott, „der Gebete erhört“, von der Liebe Jesu. Unter schwierigen Bedingungen. Sie brauchen unsere Unterstützung. Und wir? Wir brauchen ihren Glauben.